2012 Besuch in Sayedpur

Am frühen Morgen des 2. Januar fuhr ich mit Uschi, Nelly und einem ihrer Professoren-Kollegen nach Sayedpur. Fast drei Stunden brauchten wir für die rund 70 Kilometer ins Dorf – zunächst durch das schier undurchdringliche Verkehrschaos Dhakas, dann durch gefühlt zigtausend metertiefe Schlaglöcher. Am Rande der Hauptstadt, dort wo noch vor vier Jahren die Reisfelder begannen, erstreckt sich jetzt ein breiter Gürtel von Textil-Fabriken und um die Fabriken herum Ansiedelungen von Wellblechhütten, aus denen gerade Hunderte von jungen Frauen zu Fuß zur Arbeit unterwegs sind. Sie wohnen dort, weil sie sich von ihrem Gehalt weder eine normale Wohnung noch ein Busticket leisten können. Und bei vielen der Fabriken mit den vergitterten Fenstern lässt sich schon von außen erahnen, wie entwürdigend die Zustände wohl innen sein müssen. Dann endlich Felder, Kokospalmen, Seen mit Wasserhyazinthen und ein unbefestigter Holperweg bis ins Dorf.

Wir werden schon erwartet und von den Kindern mit Blumen begrüßt. Nach einer Tasse Begrüßungstee übernimmt Balayet Hossein, der stellvertretende Schulleiter, die Führung und zeigt uns zu allererst, was mit dem Geld von alphabangla inzwischen angeschafft werden konnte : Neue Schränke zur Aufbewahrung der neu angeschafften Materialien für den naturwissenschaftlichen Unterricht und natürlich die neuen Toiletten.

P1090799Der Sanitärtrakt mit septischem Tank und Waschgelegenheiten ist der modernste in der ganzen Region und Balayet berichtet uns stolz, dass inzwischen sogar Schulleiter aus anderen Dörfern vorbeikommen, um die Konstruktion anzuschauen. Nellys Kollege hat beim Bau beratend geholfen und auch er ist beeindruckt. Und ich lasse es mir nicht nehmen, die Toilette gleich auszuprobieren.

Dann werden wir über das gesamte Schulgelände geführt, auch in die private weiterführende Schule. Dabei begleitet uns auch Oishy, die Tochter des Fabrikbesitzers, der uns das Land für unsere Schule zur Verfügung gestellt hatte. Sie studiert inzwischen in Dhaka, spricht hervorragend Englisch und ist extra zu unserem Besuch angereist.

P1090808In jedem der Klassenzimmer wird rechts oben an der Tafel festgehalten, wie viele Schüler in der Klasse sind – in der Mittelstufe sind das oft über 50 Mädchen und Jungen und entsprechend eng geht es zu. Die Schüler der 10. Klasse sind gerade dabei, sich selbstständig auf ihre Abschlussprüfung vorzubereiten. Aber alle, egal, wo wir hinkommen, sind überaus neugierig auf uns – Besucher von außerhalb und gar aus Europa sind hier eine absolute Seltenheit. So stehen alle immer sofort auf, wenn wir in ein Klassenzimmer kommen; viele wollen ihr Englisch mit uns ausprobieren und wir müssen in unzählige Schulhefte unsere Namen schreiben. Fast kommen wir uns vor wie Hollywoodstars, die Autogramme geben! Ich freue mich besonders, dass ich einige Kinder treffe, die ich vor vier Jahren in unserer Grundschule kennen gelernt habe und die jetzt die weiterführende Schule besuchen. Ein Mädchen, das hier zur Schule gegangen ist, studiert inzwischen Management an der Universität in Dhaka. Sie besucht gerade ihre Tante und wir nehmen sie auf dem Rückweg mit in die Hauptstadt. Diese Begegnungen machen mich zuversichtlich, dass wir mit dem Engagement von alphabangla in Sayedpur auf dem richtigen Weg sind.

P1090814 P1090821Inzwischen hat sich vor unserer Schule eine ganze Menge von kleinen Knirpsen in Schuluniformen versammelt – die zukünf- tigen Erstklässler. Die Schulverwaltung hatte sich gewünscht, dass wir an diesem Tag kommen, um den Einschulungstag miterleben zu können. Das hat sich natürlich im ganzen Dorf herumgesprochen und so sind nicht nur die Eltern der Kinder, sondern auch viele andere Erwachsene erschienen, um an dem Ereignis teilzunehmen. Obwohl es kalt und regnerisch ist, warten alle geduldig, aber wir  fühlen und doch ein bisschen unbehaglich, als wir, die Gäste, Stühle unter dem Dach der Schule zugewiesen bekommen, während die anderen im Nieselregen stehen. Zuerst gibt es eine Tanz- Vorführung der älteren Schüler und dann dürfen wir die Lehrbücher an die Erstklässler austeilen. Natürlich muss auch jede von uns eine kleine Rede halten, die ins Bengalische übersetzt wird. Danach werden wir beschenkt – mit kostbaren, fein handgestickten Bildern, die Szenen aus dem bengalischen Landleben darstellen. Auch wir haben Geschenke mitgebracht, Stifte, Bastelutensilien und Lernspiele, die gleichermaßen an unsere private Grundschule und an die staatliche Grundschule nebenan verteilt werden. Für die kleine staatliche Schule hat die Regierung inzwischen ein neues, sehr solides Nebengebäude errichtet, in dem es nun weitaus weniger eng zugeht – für uns ein weiterer Beweis dafür, dass die Bemühungen um eine solide Grundbildung in Sayedpur mittlerweile an höherer Stelle durchaus wahrgenommen und geschätzt werden.

P1090846P1090847

 

 

 

 

 

 

Anschließend sind wir, nach einem Spaziergang durch das Dorf, zum Essen im Haus des Ziegeleibesitzers Bashu (Mustafizur Rahman) geladen, auf dessen Land unsere Schule steht. Abul Kalam, der Schulleiter und ein Mitglied des Verwaltungsrats der Schule, kommen auch mit. Dieser, Solim Uddin, wird im Dorf als Freiheitskämpfer hoch geschätzt. Er hat in Dhaka studiert und war 1971 am Befreiungskampf gegen die pakistanische Herrschaft über das heutige Bangladesh beteiligt. Von Anfang an war er bei meinen Besuchen immer ein wichtiger Gesprächspartner. Insgesamt fällt mir auf, dass alle Männer sich deutlich mehr und offener an Gesprächen mit uns Besucherinnen aus Deutschland beteiligten als bei meinem letzten Besuch. Es ist durchaus nicht üblich, dass Männer, zumal in dörflichen Regionen, das Gespräch mit „fremden“ Frauen suchen. Ich freue mich über das Vertrauen und die zunehmende Vertrautheit und ich erlebe, wie sehr die Bengalen Humor zu schätzen wissen.

P1090870 Bashus Haus ist das größte und schönste im Ort – und auch hier erleben wir wieder die überwältigende Gastfreundschaft der Bengalen, die einen fast beschämt. Die jüngste Tochter der Familie, Bany, die ich bei meinem letzten Besuch als Viert- klässlerin in unserer Schule kennen gelernt hatte, ist auch da. Sie geht mittlerweile in die 8. Klasse und auch sie will natürlich ihr Englisch mit uns ausprobieren und mit uns zusammen fotografiert werden. Ungewohnt ist für uns, dass alle Gäste am Tisch sitzen und von den Gastgebern bedient werden, die selbst erst später essen. Die ganze Familie steht  um den Tisch und schaut den Gästen beim Essen zu, immer darauf bedacht, dass es an nichts fehlt. Im Dorf gibt es kein Gästehaus, in dem man wohnen und kein Restaurant, in dem man essen könnte, aber am Ende des Tages ist klar, dass wir bei unserem nächsten Besuch in Sayedpur länger bleiben und bei Bashu und seiner Familie wohnen sollen. „Du gehörst doch jetzt zur Familie“, sagt Balayet dann noch. Und da weiß ich, es ist wirklich so wie in dem Buch „Three Cups of Tea“, das ein Amerikaner geschrieben hat, der in entlegenen Bergdörfern Dörfern in Pakistan Schulen gebaut hat:  Bei der ersten Tasse Tee, die man zusammen trinkt, ist man noch Fremder, bei der zweiten Freund und bei der dritten Familienmitglied.

Comments are closed.